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Artikel Tagged ‘Kultur’

Warum ich Kisch lese

2. Februar 2010 madcynic 5 Kommentare

Schon immer haben mich Journalisten fasziniert. Damit meine ich jetzt nicht solche, die täglich die Seiten der Zeitungen dieser Welt mit Belanglosigkeiten füllen, sondern solche, die im Night Court sitzen und denen Merkwürdigkeiten auffallen, als fünf Männer dem Haftrichter vorgeführt werden. Solche, die es unverantwortlich finden, Menschen aus dem Militär wegen angeblicher Sicherheitsgefährdung zu entfernen und generell Angriffe gegen die Gewissensfreiheit verurteilen.

Nun ist Kisch auch ein Journalist gewesen. Einer, der in wahrlich interessanten Zeiten gelebt hat – wobei ich nicht glaube, dass er es im Sinne des chinesischen Fluchs aufgefasst hat. Kisch ist in Prag geboren, Sohn einer sephardischen, deutschsprachigen Familie. Da wird es schon interessant, denn Prag, von dem er viel erzählt, ist seinerzeit eine effektiv zweisprachige Stadt, mit Deutschen und Tschechen und den im erwachenden Nationalismus begründeten Konflikten. Da liegt für mich auch das erste Faszinosum, denn Kisch beschreibt eben ein Prag, das es nicht mehr gibt, mit seinem starken deutschen Einfluss – wer in Prag mal in einem Antiquariat war, bekommt noch einen guten Eindruck davon, wie stark der deutschsprachige Anteil der Buchleser war, es gibt Unmengen an deutschsprachiger Literatur.
Interessant bei Kisch ist auch die klare Parteinahme für die Armen und Kriminellen in seiner Zeit. Dies umso erstaunlicher, da die Familie Kisch dem Vernehmen nach nicht eben schlecht gestellt war, so dass alle Voraussetzungen zu einem Leben jenseits der Beschäftigung mit Armut, Obdachlosenasylen und Irrenhäusern gelegt waren.
Kisch schrieb in Prag für mehrere Zeitungen, dem Prager Tagblatt und der Bohemia, und zwar als Lokalreporter. Seine Artikel haben einen hochinteressanten Stil, eine “gute Schreibe”, der mit viel Augenzwinkern gespickt ist – mitunter vielleicht für den heutigen Leser zu viel. In diesen frühen Artikeln, die Kisch später umgearbeitet und in Buchform veröffentlichte, ist noch nicht viel von einer politischen Gesinnung per se zu finden, aber seine soziale Gesinnung wird offenbar, zum Beispiel in dem er viele kriminelle Machenschaften durch die Lebensumstände des Täters erklärt und nicht von einer naturgegebenen Bösartigkeit ausgeht.

Im 1. Weltkrieg ist Kisch in Serbien stationiert, wird verwundet, dann an die russische Front verlegt, verwundet, felduntauglich gesprochen und dann als Zensor im ungarischen Gyula eingesetzt. Hier beginnt dann die Ausprägung seiner politischen Ansichten, die sich noch verstärkt, als er ab 1917 dann im k.u.k. Kriegspressequartier arbeitet. Hier hat Kisch dann Kontakt zu kommunistischen Kräften und schlägt sich schnell auf ihre Seite. Kisch nahm in führender Rolle an der Gründung der Roten Garden in Österreich teil und unterstützte diese auch später noch durch seine Arbeit für die Zeitschriften “Der Freie Arbeiter” und “Die Rote Garde”. Als es letztlich auch in Österreich nicht zur Errichtung einer sozialistischen Republik im kommunistischen Sinne kam, gab Kisch diese Tätigkeit – auch im Anbesicht sich häufender Angriffe – auf, wurde aber Mitglied in der Kommunistischen Partei Österreichs.

Hier haben wir dann also das Problem. Kisch war Kommunist. Das ist natürlich ein Problem, nicht nur im Prag oder Berlin der 1920er Jahre, sondern auch später. Aber nicht nur im Umgang mit der Person Kisch, sondern auch im Umgang mit seinen Texten ist diese Einstellung problematisch. Einerseits muss man sich bei Beschreibungen von Vertretern der Republik (ob dies nun die der Weimarer oder die der österreichischen Ersten Republik sind) stets die Frage nach der Beeinflussung des Porträts durch Kischs ideologische Grundhaltung stellen, aber andererseits ist eine derart offene ideologische Grundhaltung eben auch ein Vorteil beim Interpretieren bestimmter Passagen. Mal ganz davon abgesehen, dass der revolutionäre Kommunismus eines Kisch nicht viel mit dem Klischee des Kommunismus zu tun hat, das uns die Sowjetunion hinterlassen hat. Der andere große Teil in Kischs Werk sind seine Reiseberichte. Kisch war mehrfach in der jungen Sowjetunion, in der Mandschurei, in China, Australien, den USA und Mexiko. In England, Belgien und Dänemark ebenfalls, aber die großen Reportagen stammen aus den erstgenannten Ländern. Und hier ist eben auch eine Art der Betrachtung offenbar, die heute nicht nur nicht mehr üblich, sondern in Zeiten der objektiven Neutralität und der Political Correctness sogar verpönt ist. Kisch nimmt Partei, und das klar und deutlich. Ob es die Jungkommunisten sind, die in den islamisch geprägten Sowjetrepubliken die Unterdrückung der Frauen ausmerzen wollen, oder die Gefangenen in den Tombs in New York, die Bergarbeiter in Belgien oder die Chinesen außerhalb des europäischen Viertels in Shanghai. Kischs Reportagen bleiben trotz dieser Parteinahme spannend, interessant und vor allem – lesbar. Das ist nicht die primitive Propaganda, die man vielleicht schon mal gelesen hat, vom Paradies Kommunismus, sondern eine zwar parteiliche, aber eben nicht unkritische Sicht auf die Verhältnisse.

Ich lese Kisch also, weil er a) gut schreibt, b) über Dinge schreibt, die nicht mehr erlebbar sind und weil c) seine kommunistisch gefärbte Sichtweise dennoch nicht eintönig-dozierend wirkt, sondern Einblicke in Denkweisen gibt, die man heute nur noch schwer verstehen und vermitteln kann.
Ob es wohl eine neue kritische Ausgabe Kischs gibt? Die mir vorliegende zehnbändige Version aus dem Aufbau-Verlag ist noch zu DDR-Zeiten erschienen und leider auch in den Anmerkungen ideologisch gefärbt – ein Nachteil.

Auswandern

18. September 2009 madcynic 7 Kommentare

Blickt man sich vor den Bundestagswahlen in der politischen Landschaft um, wird man über kurz oder lang von einer Depression befallen.
Da gibt es einen Innenminister, der immer mal wieder Ideen hat, wie man doch das Grundgesetz oder andere lustige demokratische Einrichtungen verändern könnte, um mehr Sicherheit zu erlangen. Da gibt es eine Familienministerin, die lieber Stoppschilder aufstellt, als tatsächlich etwas gegen Kinderpornographie im Netz zu tun. Da gibt es Polizisten in Berlin, die statt ihre Dienstnummer herauszurücken lieber denjenigen schlagen, der danach fragt.
Dann gibt es Parteien, die sich entschließen, ihr Programm nicht durchzugendern – und dafür von angeblich progressiven Kräften angegangen werden. Dann gibt es Vize-Vorsitzende von Parteien, die ein Interview geben und dafür von großen Teilen der so genannten Blogosphäre und der Medien (zumindest von den interessierten) Prügel beziehen, aber nicht für die Inhalte des Interviews, sondern für die Zeitung, der sie das Interview gegeben haben.

Quo vadis, politische Kultur?
Bleibt eigentlich nur auswandern. Am besten nach China – da weiß man, was man kriegt.

Kindererziehung

30. April 2009 madcynic 3 Kommentare

Die letzten paar Tage verbrachte ich bei meiner Schwester. So eine Auszeit vom Studienalltag ist mal ganz nett. Urlaub war es allerdings nicht wirklich™ – denn ich verbrachte den Großteil der Zeit mit meinem nicht ganz zweijährigen Neffen. Der ist halt Kind und braucht Aufmerksamkeit, aber wenn man das nicht jeden Tag hat, ist es auch auszuhalten, obwohl es nicht das eigene Kind ist.1

Besonders interessant ist die Phase natürlich gerade, denn der Junge macht langsam das, was die englisch-sprechende Welt als “potty training” kennt. Wir alle wissen ja, dass es irgendwann doch einfacher für alle Beteiligten ist, wenn man selbständig auf Toilette gehen kann und nicht mehr auf die Windeln angewiesen ist. Zu meiner Zeit gabs zu diesem Zweck einerseits Plastiktöpfchen und andererseits, für die Fortgeschrittenen sozusagen, Plastikeinsätze für das WC, damit man mit dem schmalen Hintern nicht durch die Brille rutscht. Man war als Kind ja immer stolz wie Oskar, wenn man was konnte “wie ein Erwachsener”. Nunja, Töpfchen gibts immer noch, aber irgendwie sind die jetzt anders… Mehr…

  1. bei eigenen Kindern ist ja alles anders, liest und hört man zumindest immer wieder []

Von der Sowjetunion lernen…

4. Oktober 2008 madcynic Keine Kommentare

…heißt siegen lernen. Das gilt offenbar auch für die Deutsche Telekom, denn wie sollte man sonst eine Informationspolitik erklären, die erst jetzt zugibt, dass im Jahr 2006 17 Millionen Datensätze von Kunden gestohlen wurden? Anlass des zerknirschten Auftritts des Telekomsprechers war offenbar ein Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Das erinnert doch schon sehr an die sprichwörtlich langsame Informationspolitik der UdSSR in Zeiten des Kalten Kriegs. Dort wurde auch, so geht zumindest das Klischee, nur zugegeben, was eh schon bekannt war, ob es um den Gesundheitszustand des Genossen Andropow oder um etwaige Störfälle in Atomanlagen ging.
Und was einem totalitären Regime recht ist, kann einer Firma, die kritische Journalisten bespitzelt, natürlich nur billig sein.

Feststellungen

30. Juli 2008 madcynic 2 Kommentare

Wenn man im Rahmen eines Kneipengesprächs über Länder spricht, die mit ND aufhören, mit IS anfangen und irgendwo in der Mitte ein LA haben, ist es nur ein kurzer Schritt zur Feststellung, der Titel des Europameisters im Fußball berechtige zur Einführung eines LA im Landesnamen.
Daher heißt es ja auch Russland, Niederlande, Spalalanien, Italalien, Tschelachien, Franklalareich, Dänelamark…und Deutschlalaland. Wobei es ja eigentlich Sowjetlaunion heißen müsste, aber da das keiner aussprechen konnte, hat sich der Staat bekanntlich aufgelöst.

Also echt…wie issat denn jetzt?

9. Juli 2008 madcynic 2 Kommentare

Da geht man mal Dienstag irgendwohin, und auf dem Weg nach Haus (latürnich mit der Strapazenbahn) sieht man dann SIE. Also, SIE is erstmal total toll. Das kann man gar nicht in Worte fassen. Im spezifischen Fall trägt SIE dann ein Instrument um sich rum, sieht nebenher noch gut aus und überhaupt. Was man so sehen kann auch Single…und dann guckt man so, und steht vor ‘nem Problem. Wie geht das denn jetzt mit dem Flirt? Wie flirtet man denn mit Leuten, die man nicht kennt? Oder, der heutigen Generation angepasster: Wie flirtet man mit jemandem, den man nicht kennt, und den auch – entsetzlicherweise – niemand auf seiner Studirgendwas-Freundesliste kennt? Wie geht das?
Heutzutage kennt ja bekanntlich jeder jeden und so müsste ja eigentlich irgendwer auch SIE kennen. Aber natürlich hat man diesen jemand nun grade nicht dabei, und muss ganz primitiv…
Aber ist auch egal, denn wie soll man schließlich, wenn man grad aus der Kneipe geschritten kommt, in der man natürlich nicht ausschließlich alkoholfreie Getränke zu sich genommen hat, noch in irgendeiner glaubhaften Form flirten können? Ach, ist doch alles blöd…

Moderne Zeiten

25. Mai 2008 madcynic Keine Kommentare

Schon der Kollege Mittermaier hat ja mitbekommen, dass manche Leute mit dem Terminus “Plattenspielernadel” nichts anfangen können.
Mein Handy kann mit dem Wort auch nix anfangen. Ach Mensch – bin ich so unmodern, dass ich jetzt schon Worte benutze, die meines Handys T9 nicht kennt?

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