Respekt für Literatur

In den letzten Wochen ist viel geschrieben worden über das Vorhaben des Thienemann-Verlags, Begriffe, die heutzutage eher verpönt beziehungsweise nicht mehr verständlich sind, aus Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“ zu streichen. Dazu gehören einerseits das Wort „durchgewichst“ für Verhauen, andererseits das deutlich problematischere Wort „Neger“. Neger ist ja auch schon trotz langem Widerstand der Erben aus Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ verschwunden, deren Vater nun Südseekönig statt Negerkönig ist.
Im Zusammenhang mit der kleinen Hexe begründet der Verleger Willberg die Veränderungen – verbunden mit der Ankündigung, dass der Verlag alle seine (Kinderbuch-)Klassiker durchforsten wolle – damit, dass „nur so“ die Bücher zeitlos blieben.

Ich habe große Probleme mit dieser Entscheidung. Zunächst erinnere ich mich noch, dass Ende der Neunziger eine neue Übersetzung von Twains „Huckleberry Finn“ erschien, die Twains Wortwahl erhielt – inklusive „Nigger“. Zwar gibt es auch heute noch englische Ausgaben, die „nigger“ durch „slave“ ersetzen, die aber umstritten sind. Der Respekt vor Literatur und dem Autor gebietet eigentlich, dass man die Wortwahl des Autors beibehält. Twain verwendet diesen Begriff ja beispielsweise, weil er nun einmal in der im Werk beschriebenen Zeit und Örtlichkeit benutzt wurde. Jetzt dieses Wort zu streichen verfälscht das Werk und ist ganz nah an Geschichtsfälschung.

Nun ist dies bei „Pippi Langstrumpf“ und „Die kleine Hexe“ natürlich etwas anders, aber auch hier stellt sich doch die Frage: „Ist ein Kinderbuch ein literarisches Werk oder sind Kinderbücher Literatur zweiten Rangs, für die andere Regeln gelten?“ Tilman Spreckelsen schlägt in der FAZ in dieselbe Kerbe: „Das heißt aber nichts anderes, als Kinder- und Jugendliteratur von vornherein nicht ernst zu nehmen. Man darf sie demnach ohne Skrupel umschreiben, was man selbst bei mäßigen Werken, die sich an Erwachsene richten, nie im Leben täte.“
Eine weitere Frage, die sich stellt, ist doch aber: Was nützt es? Streicht man das Wort „Neger“ aus Kinderbüchern, ergibt sich tendenziell keine Gelegenheit mehr, mit seinem Sohn/seiner Tochter über dieses Wort in einer einigermaßen kontrollierten Umgebung und unter vorhersehbaren Umständen darüber zu reden. Ich denke nicht, dass man so tun muss, als würde den Kinder, die das Wort nicht in Kinderbüchern lesen, dieses Wort nie über den Weg laufen. Ist es nicht besser, über problematische Terminologie zu reden als die Vogel-Strauß-Taktik zu fahren?

Ein anderes Problem ist das der Grenzziehung. So will der Verlag im Fall der Kleinen Hexe eine Faschingsszene umschreiben, in der sich Kinder als „Negerlein“, „Türken mit roten Mützen und weiten Pluderhosen“, „Chinesinnen“, als „Menschenfresser“, „Eskimofrauen“ und als „Hottentottenhäuptling“ verkleiden.
Gestrichen werden sollen „Wenigstens die Worte ‚Neger‘, ‚Türken‘ und ‚Chinesinnen'“1… Es wäre mir lieb, wenn jetzt jemand erklären würde, wo bei „Chinesinnen“ das Problem liegt.2
Ich halte es für falsch, Bücher zu verändern und dem Zeitgeist anzupassen, denn bekanntlich ist nichts wechselhafter als der Zeitgeist. Und immerhin ist es so, dass niemand gezwungen werden kann, ein bestimmtes Kinderbuch vorzulesen – wenn man seinem Kind nicht erklären will, was an Begriff xy problematisch ist, sollte man entsprechende Bücher meiden.3

Disclaimer: Der Autor hat ziemlich viele unzensierte Kinderbücher gelesen und sich in der zweiten Klasse zum Fasching auch als Indianer verkleidet. Möglicherweise ist er deswegen nicht in der Lage, diese Probleme zu verstehen.

  1. Siehe obiger FAZ-Artikel []
  2. NB: Ich kenne das Buch nicht und weiß nicht, ob bei den „Chinesinnen“ auch noch weitere Klischeeattribute wie bei den Türken zugeordnet werden. []
  3. Dass Eltern wissen sollten, was in den Büchern steht, die sie ihren Kindern vorlesen, ist klar, oder? []

Aufbruch ins Ungewisse

Heute begann nun auch für den 1. FC Magdeburg die neue Saison in der ebenso neuen Regionalliga Nordost. Neue Liga, neue Gesichter im Team, neuer Trainer – ein Aufbruch ins Ungewisse für alle Beteiligten.
In der abgelaufenen Spielzeit war der Club bekanntlich auf Platz 18 gelandet und nur aufgrund der Ligareform mit dem Motto aus 3 mach 5 nicht abgestiegen.

In dieser Spielzeit heißt das Saisonziel Nichtabstieg. Genauer gesagt, will man so schnell wie möglich die nötigen Punkte dafür sammeln und dann „können wir über anderes reden“, wie Präsidiumsmitglied Mario Kallnik dem mdr sagte.
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„Ich hätte nie gedacht…“

„…dass bei einem Viertligisten so eine irre Stimmung sein kann.“ So wird Schalkes Keeper Unnerstall heute in der Magdeburger Bild zitiert. Über die Authentizität des Zitats rätsele ich an dieser Stelle einmal nicht, wer die Bild kennt, wird wissen wie die zu beurteilen ist.

Der 1. FC Magdeburg ist ein Viertligist, aber er ist eben kein normaler Viertligist. Gestern Abend verlor der tief gefallene Europapokalsieger 0-5 gegen eine konzentrierte Schalker Mannschaft – zeigte aber eine ordentliche Leistung, insbesondere in der Defensive. Das klingt angesichts von fünf Gegentoren paradox, allerdings darf man den Klassenunterschied zwischen einem Champions-League-Teilnehmer und einem Viertligisten dabei nicht vergessen. Die Gegentore resultierten aus Aktionen, bei denen Schalke den Ball schnell und präzise laufen ließ und auch andere Mannschaften vor Probleme gestellt hatten.
Die über 12.000 Zuschauer ließen sich vom Spielstand ihre gute Laune nicht verderben, wohl aber vom Catering-Unternehmen. Schlechte Laune der Mitarbeiter, unterbesetzte Stände – und nicht genug Getränke zu überhöhten Preisen trübten den positiven Eindruck des gestrigen Tages nicht nur, sondern versauten geradezu die Bemühungen des 1. FC Magdeburg, Werbung für sich zu machen.

Diese Werbung hat der Club auch nötig, beendete er doch die letzte Saison auf Platz 18 und spielt nur deshalb noch in Liga 4, weil der DFB in seiner unendlichen Weisheit mal wieder eine Ligareform durchführte. Mit nur 5 Siegen und nur einem Heimsieg quälte der Verein seine Anhänger, die ihm natürlich in Scharen abhanden kamen. Letztlich führte das, sagen wir es deutlich, beschissene Abschneiden aber zu wesentlichen und wichtigen Veränderungen im Verein, die zumindest etwas Hoffnung auf schnelle Besserung bringen.
Der frühere Mannschaftskapitän Mario Kallnik fungiert mittlerweile als eine Art Sportvorstand und mit Andreas Petersen (dem Nils sein Papa) wurde ein in der Liga erfahrener Trainer aus der Region geholt. Die Mannschaft wurde umgestaltet und macht in den ersten Spielen den Eindruck vor allem in der Breite dazu gewonnen zu haben. Außerdem lässt Petersen unterschiedliche Systeme trainieren, so dass endlich auch taktische Flexibilität zu erwarten ist – etwas, das dem Club in den letzten Jahren regelmäßig abging. Natürlich bestanden die Testspiele bisher hauptsächlich aus Partien gegen unterklassige Gegner und eben der Saisoneröffnung gegen den FC Schalke 04, aus der man erst recht nicht sonderlich zahlreiche Rückschlüsse ziehen kann.
In den zwei Partien gegen Regionalligisten, den VfB Oldenburg und der Zweiten des Hamburger SV, gelangen den Magdeburgern keine Siege, aber auch dort war erkennbar, dass es eine Spielidee gibt, die da verfolgt wird.

Bis zum Saisonstart am 12.8. gegen den VfB Auerbach bleibt dann auch noch Zeit, sich noch besser einzuspielen, damit die Pass- und Laufwege pünktlich sitzen, die am gestrigen Abend noch nicht zu hundert Prozent funktionierten. Das ausgegebene Saisonziel ist der Nichtabstieg, auch wenn der Trainer seine Überzeugung, ein einstelliger Tabellenplatz sei drin, schon öffentlich gemacht hat.
Wichtig wird auch sein, dass der Verein endlich mal wieder den Landespokal gewinnt und sich die DFB-Pokal-Einnahmen sichert, auch um so den knapp bemessenen Etat zu entspannen.

1. FC Magdeburg gerettet

Mit Blick auf den Sinkflug des 1. FC Magdeburg, des einzigen Europapokalsiegers aus der DDR, hat der Deutsche Fußball-Bund in Zusammenarbeit mit der Deutschen Fußball-Liga beschlossen, dem Verein die Spielgenehmigung für die Regionalliga Nord für die Saison 2012/13 nicht zu erteilen.
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Ach Machdeburch…

Mein Machdeburch, was ist bloß los mit dir?
Oder genauer, was ist los mit deinen Bewohnern?
Nicht nur, dass sich die Bewohner des Mischgebiets Altstadt darüber beschweren, dass es da abends etwas lauter zugeht und so dafür sorgen, dass das Kulturangebot in Magdeburg etwas zurückgeht (nachzulesen hier -pdf-), nein auch Investoren wird gern mal ein oder mehrere Steine in den Weg gelegt.

Aber erläutern wir das etwas genauer. Vor einigen Jahren spielte der 1. FC Magdeburg in einem Ausweichstadion, da ein neues Stadion gebaut und das eigentliche Heimstadion dafür abgerissen wurde. In unmittelbarer Nähe dieses seit 1922 existierenden Stadions befindet sich eine kleine Eigenheimsiedlung. Nun sollte man meinen, dass die Bewohner dieser Siedlung sich auf sportveranstaltungstypischen Lärm einstellen müssten, stand das Stadion schließlich schon, bevor die Häuser gebaut wurden und die Bewohner einzogen… Das hielt zumindest einen Bewohner nicht davon ab, eine einstweilige Verfügung zu erwirken, die die Lautsprecherdurchsagen im Stadion derart in ihrer Lautstärke einschränkten, dass man gar nichts mehr verstehen konnte. Das hielt zwar nur ein paar Wochen, war aber a) ein Sicherheitsrisiko und b) vermutlich auch ein Verstoß gegen die Auflagen des DFB, der eben solche Systeme vorschreibt, damit wichtige Informationen ans Publikum weitergegeben werden können, insbesondere wenn es zu irgendwelchen Problemen auf den Rängen kommt. Die Anekdote illustriert allerdings den besorgniserregenden Trend, dass in dieser Stadt viele sich selbst die nächsten sind.

Nächstes, etwas anders gelagertes Beispiel: Im Juni 2010 kündigte die Telekom an, bei Magdeburg ein riesiges Rechenzentrum zu errichten und parallel das in Magdeburg bereits existierende als Backup auszubauen. Das rief natürlich die Anwohner auf den Plan. Die Stadt hatte die Flächen in der Nähe des bestehenden Rechenzentrums nämlich als Bauland ausgewiesen. Die jetzigen Anwohner werden sich sicher über die verhältnismäßig günstigen Preise gefreut haben – und sicher haben sie nur übersehen, dass ihre Baugrundstücke an ein Industriegebiet grenzen… In jedem Fall beschwerten sich die Anwohner bitterlich und versuchten die Telekominvestition zu verhindern, angeblich würde durch den Schattenwurf des Gebäudes die Sonnenscheindauer auf ihren Grundstücken eingeschränkt.

Über den abgelehnten Bau der Ullrichskirche wegen Grünflächenerhalt, Schattenwurfvermeidung und Innenstadtbelüftung lege ich an dieser Stelle den Mantel des Schweigens.

Vor einigen Tagen nun gab das Magdeburger Café Central bekannt, dass es keine lauten Veranstaltungen mehr durchführen dürfe, da es Beschwerden aus der Nachbarschaft gegeben hätte und das Ordnungsamt dementsprechend tätig wurde. Unbestritten ist, dass es sich beim Central um eine Schankwirtschaft handelt und nicht um einen Veranstaltungsort. Allerdings ist das Central eben auch eine etablierte, über die Stadtgrenzen bekannte Einrichtung, eben weil dort viele, gute Veranstaltungen stattfinden.
Hier haben wir es wieder mit dem alten Konflikt Nachtruhe vs. Nachtleben zu tun. Hier muss sich die Stadt fragen lassen, warum sie einerseits mit dem vielseitigen Kulturleben am Hasselbachplatz und in dessen Umfeld Werbung für die Stadt macht, es andererseits aber nicht hinbekommt, Bedingungen zu schaffen, in denen ein geregelter regelmäßiger Kulturbetrieb möglich ist, der nicht von einem oder mehreren Anwohnern torpediert werden kann. Natürlich gibt es Vorschriften, an die man sich halten muss – klar muss aber auch sein: Die Innenstadt und insbesondere die Gegend um den Hasselbachplatz sind die zentralen Orte Magdeburger Nacht- und Kneipenlebens. Wer dort hinzieht, muss mit lauteren Wohnbedingungen rechnen als in Domersleben.1 Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass es offenbar nicht nötig ist, den Nachweis zu führen, dass eine Veranstaltung tatsächlich zu laut ist, z.B. über eine Lärmmessung, sondern dass es offenbar ausreicht, sich beim Ordnungsamt zu beschweren. Eine leichte Umkehrung der Beweislast zu Ungunsten des Beschuldigten, würde ich sagen.

Kurzes Zwischenfazit: Aber auch hier zeigt sich – ein Teil der Magdeburger, leider ein lautstarker,2 denkt eben zunächst an sich und seins und nicht an die Stadt.

In der heutigen Volksstimme fand sich dann ein Beitrag, der mich zu diesem Blogeintrag…nun, nicht inspiriert, eher schon gezwungen hat. Da hat doch die Stadt tatsächlich Pläne für die Bebauung des ehemaligen SKET-Geländes und zur Sanierung der so genannten Buckauer Insel im Süden der Stadt vorgestellt. Und was soll ich sagen – es gab natürlich Kritik von den Anwohnern. Die Sanierung des Wohngebiets ist aber weniger das Problem, nein, es geht um die Bebauung des SKET-Geländes, also eines Industriegeländes, wo zu DDR-Zeiten einer der größten Betriebe der Stadt seinen Sitz hatte. Das will die Stadt nun als Gewerbe- und Industriegelände ausweisen. Dazu muss aber natürlich auch verkehrstechnisch erschlossen werden – und so entschloss sich die Stadt, den Fermersleber Weg als Zufahrt auszubauen. Dieser sei der kürzeste Weg zum Magdeburger Ring, einer Art Stadtautobahn. Aber ach und je, am Rande des Fermersleber Wegs wohnen natürlich auch Menschen – wenngleich nur wenige, ein Großteil der Straße läuft entlang eines Friedhofs, Sportplatzes und des Universitätsgeländes. Warum will also die Stadt dieses Gelände als Industriegelände ausweisen? Weil es konkretes Interesse eines Maschinenbaubetriebs gibt, sich eben dort anzusiedeln. Zuletzt kommt im Artikel noch der frühere Oberbürgermeister der Stadt, Willi Polte, zu Wort. Er stellt fest, dass man eben Kompromisse schließen müsse, wenn Investoren kommen und Arbeitsplätze schaffen wollen. Und da hat der Mann recht.3

Letztlich kann man nicht immer ein „das geht aber nicht“ entgegen werfen, wenn es um Veränderungen geht. Ein „das geht aber so nicht“ ist ja akzeptabel, öffnet es doch die Möglichkeit des Kompromisses. Davon ist man in der Stadt Magdeburg aber weit entfernt. Und so, liebe Mit-Magdeburger wird das mit der Stadt hier nie was.

  1. no offense []
  2. Oho, welch Ironie []
  3. ™ Kurt Tucholsky []

Das soll Journalismus sein?

Dieser Tage zeigt die ARD jeden Montag eine Sendung namens „Der [hier Firmenname einfügen]-Check“. Darin werden Firmen unter die Lupe genommen und nach vier Kriterien betrachtet, Qualität und Fairness sind auch darunter. Gestern war nun H&M an der Reihe. Und nachdem ich in der letzten Woche beim McDonald’s-Check schon einige Bauchschmerzen1 hatte, hegte ich einige Befürchtungen zur Qualität des Beitrags.
Aber zuerst zu meinen Bauchschmerzen. Das McD nicht das beste Essen der Welt serviert, ist bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass es in mancher Filiale arbeitsrechtlich womöglich bedenklich zugeht. Das thematisierte auch der ARD-Bericht. Da hieß es dann, dass McDonald’s nur etwa ein Fünftel aller Filialen in Deutschland selbst betreibt und der Rest von Franchisenehmern unterhalten wird. Nun hat kaum ein System so viel Potenzial zum Missbrauch anzuregen wie Franchising, aber das soll hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Entscheidend war der nächste Satz. Aus den Franchisefilialen, so der Bericht weiter, kämen nämlich die schlimmsten Beschwerden von Mitarbeitern. Nicht verwunderlich, muss der Franchisenehmer doch neben den normalen Lohn- und Betriebskosten auch die Lizenz bezahlen, was seine Marge schmälert. Warum die ARD bei den dann folgenden arbeitsrechtlichen Beispielen aber nicht aufdeckt, ob es sich um Franchise- oder Konzernfiliale handelt, bleibt ihr Geheimnis.
Der eigentliche Hammer kam aber natürlich erst nach dem Marktcheck, als sich ein Haufen Leute, die mit Otto Normalverbraucher so viel zu tun haben, wie meine Wenigkeit mit Buzz Aldrin, mit dem wie stets unerträglichen Frank Plasberg darüber unterhalten durften, wie schlimm es doch ist, dass sich niemand mehr Zeit nimmt fürs Essen. Ja, da wurde gezetert, das McDonalds in Berlin Filialen gegenüber von Berufsschulen betreibt und die armen Berufsschüler geradezu mit vorgehaltener Waffe zwingt, dort zu essen. Freier Wille? Gibt es nicht.
Auch Pseudo-Promi Peer Kus…Kus…ach, der hier durfte noch darüber philosophieren, dass es doch traurig ist, dass nicht mehr Menschen in sein Restaurant kommen, in dem alles frisch zubereitet wird. Gut, da kann man dann auch nach Kusmagks Aussage 40 Euro pro Person lassen (ohne Getränke, versteht sich), aber das sei ja nicht so wichtig. Bei McDonald’s übrigens kann man zu jedem Gericht eine Kalorienangabe und weitere Daten wie Fettgehalt etc. bekommen.2 Ob das bei Kusmagks auch geht?
Die Runde litt jedenfalls unter gewaltigem Realitätsverlust. Aber es ist natürlich eine Schande, dass (Achtung, ein Beispiel) die alleinerziehende Mutter ihrem Kind nicht noch ein ordentliches Abendessen macht, nachdem sie von ihren zwei Jobs nach Hause kommt…

Soweit zu meinen McDonald’s-Bauchschmerzen. Gestern nun H&M. Nachdem die Urteile in den ersten drei Bereichen (u.a. Qualität) gar nicht so schlecht ausfielen, ging es in den Bereich Fairness. Also auf nach Bangladesh.3 Hier waren die Sendungsmacher ja auch für den Lidl-Test unterwegs, kannten also die Kleidungsfabriken samt zugehöriger Slums bereits.4 Ich will die Zustände in Bangladesh nicht schönreden, die kann man nicht schönreden. Dass da in den Fabriken übelster Manchesterkapitalismus am Werk ist und man die Zustände vermutlich eins zu eins bei Marx findet, scheint nicht abstreitbar.
Aber: Wenn man einen Bericht über H&M in Bangladesh dreht, dann in zwei Fabriken geht, in denen wirklich üble Zustände herrschen (Textilstaub in der Luft, unzureichende Lüftung, keine Atemschutzmasken), dort aber keinen Beleg findet, dass die Fabriken tatsächlich für H&M arbeiten – dann ist das eine Sache. Wenn man dann aber mit keiner Silbe auf die augenscheinlich besseren Zustände eingeht, die in der einzigen Fabrik herrschen, wo man tatsächlich H&M-Produkte findet, dann ist das tendenziös. Kommentarlos auf die Slums und die wirklich schlimmen Lebensbedingungen umzuschneiden, hat mit Ausgewogenheit nichts zu tun, sondern wirkt fast, als stünde das Urteil in diesem Bereich schon vorher fest. Dazu passt, dass es im Fazit heißt, die Arbeitsbedingungen in Bangladesh trübten die Freude an preiswerter Mode.
Hier wurde offenbar geschludert. Entweder die Bilder aus der „H&M“-Fabrik waren schlicht schlecht gewählt, oder man hat es – ob fahrlässig oder absichtlich ist nicht zu klären – unterlassen, sie richtig einzuordnen. So bleibt der fade Beigeschmack der teilweisen Vorverurteilung.
Das ist schade, denn das trübt das Bild einer augenscheinlich mit hohem Aufwand produzierten Sendereihe.

Die ganze Sendung kann sich noch in der ARD-Mediathek ansehen.

  1. Haha, wie lustig. Ein Wortspiel. []
  2. Das macht den Burger zwar nicht gesünder, aber zumindest mangelnde Transparenz kann man dem Unternehmen nicht vorwerfe []
  3. Hier ab etwa 31:30 []
  4. Ich hoffe, man war so clever, beide Segmente, Lidl und H&M, auf einer Recherchereise zu drehen. Kost‘ ja alles Geld. []

We interrupt

our regular scheduled programming to bring you the following service announcement.

Das Jahr ist 2012. Und hier wird sich wieder was ändern. Ja, ich werde euch, liebe treue Leser (ja, euch beide mein ich) wieder reglmäßiger neue Lektüre bieten. Und damit meine ich nicht, dass ich meine gesammelten Tweets jetzt drei Mal in der Woche erscheinen lasse.
Nein, im Jahr 2012 werde ich wieder produktiver sein. Nach der Abgabe meiner Magisterarbeit und den erfolgreich (mehr oder weniger) bestandenen Prüfungen bin ich in ein gewisses Produktionsloch gefallen. Nicht mal die Zustände bei meinem Lieblingsfußballverein (hallo? Das wär ein Abstiegsplatz!) konnten mich aus meiner schreiberischen Lethargie reißen. Und auch Skandale und Skandälchen in der deutschen und internationalen Politik waren nicht geeignet, auch nur den Hauch von Kreativität bei mir hervorzulocken. Ist ja auch frustrierend. Alle paar Wochen wird eine neue Kuh (oft zu Recht) durchs mediale Dorf getrieben, ohne dass sich etwas substantiell ändern würde.
In diesem Jahr wird es dennoch wieder mehr zu lesen geben in den Kategorien „Dat versteh ich nich“ (höchstwahrscheinlich), „Dat find ich jut“ (eventuell), „Das Kurzwort“ (ich denk schon), „Fußballerisches“ (na mal sehen, immerhin ist EM) und auch „Wörterbuch“ (ganz, ganz vielleicht).
Auch ansonsten ist das neue Jahr für mich das Jahr des Mehrs. Mehr Vorsätze (fürs letzte Jahr gab es keine), mehr Sport, mehr Arbeit, mehr Doktorarbeit, mehr Geld (oh please, please, with sugar on top), mehr Nettsein. Und so.
Sport heißt hier nicht, dass ich mir noch mehr Fußballspiele ansehe (auch wenn das auch auf meiner Liste des Mehrs steht), sondern dass ich meinen nicht mehr ganz jugendlich frischen Körper (2012 ist leider auch das Jahr des Mehrs mit Altersbezug…) mal wieder etwas pflege. Mal sehen, ob ich zumindest zweimal in der Woche meinen Hintern ins Wasser bekomme zum Schwimmen. Früher™ war ich ein ganz passabler Schwimmer, aber meine Schwimmkarriere fand ein jähes Ende, als mir in der Dessauer Schwimmhalle einfiel, dass ich doch keine Lust hatte, an den sachsen-anhaltischen Meisterschaften teilzunehmen. Sehr zur Freude meiner Eltern und Trainer natürlich. War übrigens Behindertensport. Wie auch immer, Schwimmen ist gesund und also genau das richtige für mich alten Mann.
Mehr Arbeit und mehr Doktorarbeit stehen natürlich in einem Zusammenhang, da mit ersterem vor allem das Zweite gemeint ist. (Redundanz ist toll, n’est-ce pas?) Wenn ich bis zum Ende des Jahres den theoretischen Teil der Arbeit fertig hätte, würde ich mir ein Bein ausfreuen. Also rein metaphorisch jetzt.
Mehr Geld ist immer toll, das muss ich nicht begründen, denk ich. Mehr Nettsein übrigens auch. Ich bin zwar ein netter Mensch, aber ich hab da in letzter Zeit eine ganz schöne „mean streak“ entdeckt, die ich ein bisschen einschränken möchte.

Soweit zum Jahr 2012. Bring it on!