Es ist wirklich freundlich von euch, auf eurer Titelseite heute noch einmal, den WM-Modus zu erklären. “Wenn wir heute siegen, dann sind wir im Finale” heißt es dort.
Ein Meisterwerk. Aber, liebe Volksstimme, warum erst jetzt? Schon zum Gruppenspiel gegen Australien hätte man mit dieser Maßnahme zur Volksbildung beginnen müssen, zum Beispiel “Wenn wir heute siegen, dann haben wir drei Punkte”. Vielleicht bieten sich auch grundsätzlichere Themen für diesen offenbar neuen Zeitungsbereich Volksbildung an – “Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift”, oder im Hinblick auf die Beschwerden über den WM-Ball “Der Ball ist rund”.
Aber natürlich lässt sich das auch in anderen Bereichen anwenden. “Wenn der Beitrag steigt, wird die Krankenversicherung teurer” oder “Wenn Wulff gewählt wird, wird er Bundespräsident” bieten sich im Bereich der Politik an. Im Bereich Wissenschaft bettelt “Wenn die Sonne untergeht, wird es Nacht” geradezu um Aufmerksamkeit.
Für den Bereich Journalismus kann man ja immer noch “Wenn der Redakteur keine Lust hat, hat er keine Lust” benutzen.
Die Volksstimme berichtet heute, dass sich nach den Olympischen Winterspielen von Vancouver natürlich auch der Ewige Medaillenspiegel verändert hat. Neue Rangordnung laut Volksstimme: 1. Deutschland, 2. UdSSR/Rußl.
Liebe Freunde bei der Volksstimme. Es ist richtig, dass Rußland laut IOC Nachfolger der UdSSR ist und so deren Erfolge “erbt”. Aber wäre es nicht möglicherweise sinnvoll, zu erwähnen, dass Deutschland aus den Erfolgen aller deutschen Mannschaften besteht? (Andere machen das entweder so (ARD) oder so (Bild). Eine ganz verrückte Variante gibt’s beim Spiegel)) Also der Gesamtdeutschen Olympiamannschaften, der DDR und der BRD, wie hier in der Wikipedia schön aufgeschlüsselt? Mal davon abgesehen, dass zu Rußland auch das Vereinte Team (EUN) von Albertville 1992 gehört, als die GUS gemeinsam antraten.
Zur generellen Sinnhaftigkeit einer Tabelle, die einerseits ein aktuelles Land die Erfolge zweier Länder erben lässt und andererseits einem aktuellen Land, das lediglich einen Teil seines Vorgängers umfasst, alle Erfolge des Vorgängers zuspricht, muss wohl jeder eigene Überlegungen anstellen. Aber eigentlich gilt bei Olympia ja angeblich Mittendrin, statt nur dabei Dabei sein ist alles, insofern sollte diese Tabelle ja auch untergeordnete Priorität besitzen.
Heute geht das Wörterbuch weiter mit einem Fachbegriff aus der englischen Sprache.
Weauxfing – Substantivierung. Weauxfing bezeichnet den Umstad, dass in jedem sportlichen Wettbewerb das Team, das am meisten von seinen Fans gehypt wird, unweigerlich eine Niederlage einstecken muss.
Gegenteil von Weauxfing ist das Anti-Weauxfing, das die Technik bezeichnet, die Chancen des eigenen Teams kleinzureden, in der Hoffnung, die Weauxfing-Götter zu beeinflussen. Diese Technik funktioniert jedoch nicht in jedem Fall.
Neben dem Weauxfing durch Fans scheint es allerdings auch einen Effekt beim Hypen durch Medien zu geben. Siehe die gefühlten 543 Artikel über Peyton Manning, den perfektesten Quarterback aller Zeiten, und die anschließende Niederlage durch Manning-Fehler im gestrigen Superbowl.
Weitere Informationen gibt es im The Oliver Woofing Theorem FAQ.
In der heutigen Volksstimme findet sich ein Bericht über ein Informationspapier der Stadt Magdeburg in der der Fortschritt in Sachen Hauptstadtvertrag mit dem Land Sachsen-Anhalt behandelt wird. Es gibt keinen Fortschritt, sagt die Drucksache. Außerdem enthält sie Betrachtungen zu Hauptstadtverträgen in Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Letztlich endet das Papier mit der Feststellung, die Arbeitsgruppe Hauptstadtvertrag werde weiterhin bestehen bleiben.
Wieso die Autorin des Volksstimmebeitrags ihren Artikel mit der polemischen Bemerkung “Mag sein, sie zeitigt in weiteren zwei Jahren nicht mehr als ein weiteres inhaltsarmes Informationspapier.” schließt, wird wohl nur sie selbst wissen. Jeder, der sich mit dem Land Sachsen-Anhalt und dem Verhältnis zwischen Landesregierung und Landeshauptstadt beschäftigt, wird ahnen, wieso es hier keine Fortschritte gibt. Die Stadt Magdeburg kann den Hauptstadtvertrag schließlich schlecht mit sich selbst abschließen – und eben da liegt der Hase im Pfeffer. Die Thematik Hauptstadtvertrag spielt augenscheinlich nur bei der Landtagsfraktion der Linken und allgemein auf Seiten Magdeburger Abgeordneter oder Magdeburger Kreisverbände der im Landtag vertretenen Parteien eine Rolle. Statt sich also mit einer Spitze zu verabschieden, hätte es dem Artikel gut getan, hier einmal die andere Seite der Medaille, also die Haltung des Landes zu beleuchten. Stattdessen kommt das Land Sachsen-Anhalt lediglich im ersten Absatz vor, als Teil einer Hypothese.
Der Spiegel von dieser Woche (Nr. 40/09) hat das Titelthema “Fehlkonstruktion Mensch – Warum wir für die moderne Welt nicht geschaffen sind”.
Dazu nur kurz zwei Dinge. Zunächst mal – wieso Fehlkonstruktion? Genauer gesagt, wieso Konstruktion? Das setzt einen Konstrukteur voraus, oder? Ich weiß, die Evolutionstheorie ist ja nur eine schöne neue Theorie und überhaupt gibt es ja hunderttausende von Gegenbeweisen, so dass es natürlich völlig legitim und ideologisch gar nicht aufgeladen ist, von der “Fehlkonstruktion” zu sprechen.
Die andere Frage bezieht sich auf die Unterzeile “Warum wir für die moderne Welt nicht geschaffen sind”. Ist es wirklich so, dass der Mensch nicht für die moderne Welt geschaffen ist? Mag sein, der Spiegel beantwortet diese Frage wohl mit ja (wobei man angesichts äußerst verworrener Spiegelthemen ja vorsichtig sein muss), aber ist das denn die entscheidende Frage? Wäre es denn nicht viel sinnvoller zu fragen, warum wir Menschen uns eine moderne Welt geschaffen haben, die offensichtlich mit unseren psychisch-physiologischen Bedürfnissen nicht korreliert, sondern uns im Gegenteil vor schwere Probleme stellt? Hier wäre ein Ansatz gewesen für ein interessantes Titelthema, aber nö, der Spiegel betätigt sich ja lieber als Wiederkäuer der Wissenschaft.
Blickt man sich vor den Bundestagswahlen in der politischen Landschaft um, wird man über kurz oder lang von einer Depression befallen.
Da gibt es einen Innenminister, der immer mal wieder Ideen hat, wie man doch das Grundgesetz oder andere lustige demokratische Einrichtungen verändern könnte, um mehr Sicherheit zu erlangen. Da gibt es eine Familienministerin, die lieber Stoppschilder aufstellt, als tatsächlich etwas gegen Kinderpornographie im Netz zu tun. Da gibt es Polizisten in Berlin, die statt ihre Dienstnummer herauszurücken lieber denjenigen schlagen, der danach fragt.
Dann gibt es Parteien, die sich entschließen, ihr Programm nicht durchzugendern – und dafür von angeblich progressiven Kräften angegangen werden. Dann gibt es Vize-Vorsitzende von Parteien, die ein Interview geben und dafür von großen Teilen der so genannten Blogosphäre und der Medien (zumindest von den interessierten) Prügel beziehen, aber nicht für die Inhalte des Interviews, sondern für die Zeitung, der sie das Interview gegeben haben.
Quo vadis, politische Kultur?
Bleibt eigentlich nur auswandern. Am besten nach China – da weiß man, was man kriegt.
Gestern schrieb ich einen etwas längeren Bericht zum Thema “Entführung aus dem Serail Grab”. Heute nun haben sich die beiden Zeitungen des Landes Sachsen-Anhalt zu Wort gemeldet. Sowohl mit ausführlichen Berichten, als auch mit Kommentaren.
Nun gibt es ja grundsätzlich zwei Möglichkeiten, um so eine Situation zu kommentieren. Zunächst kann man das Kind beim Namen nennen und sich mit der Ursache befassen. Oder man beschäftigt sich mit der Gesamtsituation und fokussiert ironiesierend auf die Reaktion. Letzteres läuft dann meistens darauf hinaus, dass sich die verletzte Partei doch bitte nicht so aufregen möchte und im Sinne zukünftiger konstruktiver Zusammenarbeit eben zurücksteckt. Grundsätzlich ist diese Methode positionierungsfrei – man stellt sich auf keine Seite und befasst sich nicht so sehr mit der Ursache, mit dem was Scheiße gelaufen ist.
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