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Des Cynics Wörterbuch: Exkurs A

Syntax

In der Sprache des Zynikers gibt es einige Besonderheiten, die einen unbedarften Beobachter durchaus verwirren können. Dazu gehört das frequente Auslassen von mehr oder minder wichtigen Satzgliedern.

Am häufigsten davon betroffen scheint ironischerweise das Subjekt in der ersten Person Singular. So ist der Satz „Geh‘ heut ins Kino.“ mitnichten ein Imperativ, sondern lediglich die sprachökonomisch verkürzte Variante des Satzes „Ich geh‘ heute ins Kino.“

Derartige Auslassungen kommen jedoch nicht nur am Satzbeginn, sondern auch am Ende vor. Hier betrifft es insbesondere Sätze, die Teil längerer Erklärungen sind. Diese werden in der Regel in dem Moment abgebrochen, wo sicher ist, dass das Gegenüber verstanden hat, worum…

Des Cynics Wörterbuch, Teil X

Nach längerer Pause mal wieder ein neuer Eintrag im Wörterbuch.

Heute: dialekttolerant. Adjektiv.

Als dialekttolerant bezeichnet man Menschen, die gegenüber fremden Dialekten aufgeschlossen sind und nicht von diesen auf Intelligenz, sozialen Hintergrund und ähnliches des Sprechers rückschließen, geschweige denn die Sprecher deswegen diskriminieren oder eine Abneigung gegen sie entwickeln.

Allerdings hat Dialekttoleranz auch immer Grenzen. Bei mir persönlich hörts beim Sächsischen und auch zum Teil schon beim Hallenser Dialekt auf.

Des Cynics Wörterbuch, Teil IX

Zum neuen Jahr ein neues Wort. Ich erwähnte ja schon mal, dass ich zwei Sprachen spreche. Nun ist das zwar richtig, aber nicht das Ende vom Lied, denn neben der deutschen Weltsprache und diesem Dialekt, dem Englischen, spreche habe ich auch noch Latein und Französisch in der Schule gehabt.1 Und aus dem Französischen kommt denn auch das nächste Wort, das ich zugegebenermaßen recht selten verwende.

trésolé, trésolée; Adj. Hierbei handelt es sich um ein Portmanteau aus den Worten très (IPA: [tʁɛ], frz.: sehr)und désolé (IPA: [de.zɔ.le]; frz.: untröstlich, unglücklich, trostlos), das schlicht und einfach bedeutet: sehr untröstlich, – unglücklich, – trostlos. Ich war halt schon immer sprechfaul…aber eigentlich ist das hauptsächlich sinnvoll um die ironische Distanz in den Ausdruck „Je suis désolé“ (Es tut mir leid) zu bringen.

  1. Flachwitz bitte behalten, danke. []

Des Cynics Wörterbuch, Teil VIII

Nach längerer Pause gibts was neues fürs Wörterbuch.

ironieresistent, Adjektiv. Beschreibt die Unfähigkeit einiger Menschen, ironische Bemerkungen zu ihrem Verhalten zu verstehen und dieses Verhalten abzustellen. Siehe auch Erkenntnisunverträglichkeit.

Zur Illustration eine Anekdote. Einsatz eines Rettungsdienstes in einer Wohnsiedlung. Es ist schon recht schummrig. Der Rettungsassistent bemerkt einen Hausbewohner, der sich den Einsatz vom Fenster aus ansieht, selbst ein Kissen hatte er untergelegt, damit der Fensterrahmen nicht so an den Armen drückt. Schließlich ruft der Rettungsassistent zu ihm hoch: „Ich hab auch n Außenscheinwerfer am Fahrzeug, soll ich den anmachen? Dann können Se noch besser sehen.“ (!!! Achtung, das war Ironie) – Antwort: „Ja, das wär nett.“

Ich bin gerade auf dem Weg

„in die Arbeit“ erklang es heute neben mir in der Straßenbahn. Ganz klar keine Magdeburgerin, so viel war mir sofort klar. Allerdings war und ist mir immer noch unklar, wie die Magdeburger Formulierung dafür wäre.
Der Magdeburger an sich ist ja auch nicht „bei der Arbeit“, wenn er am Arbeitsplatz ist, dann ist er „auf Arbeit“. Grammatikalisch sicher nicht ganz einwandfrei, aber durchaus verständlich. Nur, wie beschreibt der Magdeburger den Vorgang des Hinbewegens zum Arbeitsplatz? Weiß das wer? Hilfe.

Des Cynics Wörterbuch, Teil VII

Heute geht es um ein Problem der schriftlichen Repräsentation gesprochener Sprache.
Es handelt sich um das Wörtchen eben. Das hochdeutsche „eben“ lässt sich noch einfach per Duden darstellen. Aber die Art, in der ich und andere es aussprechen wird’s schwieriger. Für alle verwirrten:

em, IPA [e:m], s. eben.

Gelegentlich gefährliche Blumenwürfe

Gestern erbrachte ich den Großteil des Tages damit, an einem handbetriebenen Mikrofilmlesegerät zu sitzen – sehr wenig ergonomisch übrigens, Bildschirmunterkante auf Augenhöhe und und dann 20 Zentimeter nach oben, Genickstarre vorprogrammiert, und dass die Filmrolle antichronologisch aufgerollt war, half aucht nicht wirklich – und meinen Herrn Vater bei der Recherche zu unterstützen. Der schreibt nämlich grad an einer Zeitungsserie zum Thema „Die preußische Provinz Sachsen auf dem Weg ins Dritte Reich“. Anlass ist natürlich die „Machtergreifung“ der Nazis vor 75 Jahren. Aber darum geht es hier nur am Rande. Beim Studium der Zeitungen fiel mir auf, dass dort einige Wörter anders benutzt werden, als es heutzutage der Fall wäre.
Ein Beispiel ist das Wort „gelegentlich“. Gelegentlich benutzen wir heutzutage ja meist im Sinne von „wenn es mir passt“ oder „ab und zu“, wenn wir zum Beispiel sagen, „gelegentlich komme ich an der Ecke Reuter-Allee/Breiter Weg vorbei“ oder „ich komme dich gelegentlich besuchen“. In den Zeitungen fand ich jedoch lediglich die Verwendung im Sinne von „anlässlich“ oder schlicht „bei“. (Der Duden lässt im übrigen beide Möglichkeiten zu und scheint sich nicht ganz einig, welches die häufigere ist.)
Zum Beispiel meldet die Saale-Zeitung, ein deutschnationales Blatt, nicht zu verwechseln mit der Regionalzeitung aus der fränkischen Rhön, folgendes in ihrer Ausgabe vom Dienstag, 4. Juli 1933:

Der Adjutant des Reichskanzlers Adolf Hitler, Brückner, untersagt das Werfen von Blumen auf den Wagen des Führers gelegentlich der Fahrten und Aufmärsche.

Wie man sieht, heißt gelegentlich hier „anlässlich“. Aber das eigentlich interessante ist ja die Frage: Warum wird das Werfen von Blumen untersagt? Ist der Führer allergisch? Oder hat er einfach ob der schieren Menge an Blumen Atemnot? Fragen über Fragen, die die Zeitung nicht beantwortet. Schade eigentlich.

Eine andere Meldung, die auch in diesen Zeitraum fällt, aber nicht in der Saale-Zeitung, sondern in den Hallischen Nachrichten stand, lautet so:

Bezeichnung „Lutherstadt“ abgelehnt
Eisleben. Wie der Magistrat mitteilt, ist das Gesuch um Verleihung der Bezeichnung „Eisleben-Lutherstadt“ vom Preußischen Minister des Innern abgelehnt worden. Der Antrag war in der Hauptsache deswegen gestellt worden, um die vielen Fehlleitungen bei der Post, Bahn usw. zu vermeiden.

Tatsächlich heißt Eisleben erst seit dem 17.2.1946 „Lutherstadt“.

Update: Die Magdeburgische Zeitung vom 4. Juli (Haupt-Ausgabe) gibt bezüglich der Blumenwürfe weitere Aufklärung. Der Führer ist weder allergisch, noch leidet er unter Atemnot. Vielmehr hat man Angst um sein Augenlicht. Es heißt dort:

Keine Blumen werfen!
Mitteilung des Adjutanten des Reichskanzlers
Berlin, 3. Juli. Der Adjutant des Reichskanzlers, Brückner, teilt mit: Bei den letzten großen Aufmärschen und Fahrten haben die Zuschauer wieder ein Bombardement mit Blumen auf den Wagen des Führers eröffnet. Dieses Werfen mit Blumen ist mit Gefahren für die Wageninsassen verbunden, wie wiederholte Vorfälle gezeigt haben. So erhielt kürzlich einer der Begleiter durch einen mit voller Wucht geschleuderten, auf Draht gebundenen Blumenstrauß eine Gesichtsverletzung und hatte es nur einer rechtzeitigen Kopfwendung zu verdanken, daß nicht ein Auge gefährdet wurde. Das Werfen von Blumen auf den Führerwagen ist deshalb strikt untersagt.

P.S. Im Stadtarchiv Magdeburg gibt es Mikrofilmlesegeräte mit motorisierter Spuleinrichtung und Kopierfunktion. Ein Segen.