Kategoriearchiv

Des Cynics Wörterbuch, Teil XVI

Weiter geht’s 2014 mit einem Begriff, der gerade im Winter durchaus einige Verwendung findet, da die damit beschriebene Eigenschaft in der Kälte eher auffällt als im Sommer.1

Das heutige Wort lautet also:

Straßenbahnkind, das. Nomen, neutrum – Straßenbahnkinder sind Menschen, die es nicht gelernt haben, Türen, zum Beispiel einer Kneipe zur Straße hin, ordnungsgemäß hinter sich zu schließen, und so die restlichen Gäste den Unbilden des Wetters aussetzen. Seinen Ursprung hat der Begriff natürlich in den sich selbsttätig schließenden Türen der Straßenbahn, in der besagte Menschen offenbar ihr ganzes bisheriges Leben verbracht haben.

  1. Jaja, ich weiß selbst, dass es diesen Winter nicht sonderlich kalt ist, aber im Prinzip… []

Des Cynics Wörterbuch, Teil XV

Aus aktuellem Anlasse mal wieder ein Wörterbucheintrag. Heute:

Konifere (n. fem.): Gegenteil von Koryphäe. Besonders gern gebraucht im Zusammenhang mit Entscheidungsträgern, ob in Politik, Sport oder Wirtschaft.

Des Cynics Wörterbuch, Teil XIV

Nach langer Zeit mal wieder ein Eintrag im Wörterbuch. Passt auch in die Kategorie Fußballerisches, aber naja. Heute:

Derby, das. Nomen, neutrum. Fußballspiel zwischen zwei Mannschaften, die zueinander in besonderer Beziehung stehen.

Was ist nun diese besondere Beziehung? Glaubt man dem Mitteldeutschen Rundfunk, so reicht es vollkommen aus, wenn die betroffenen Vereine aus dem Gebiet der neuen Bundesländer kommen. Das ist mir aber zu einfach und zu billig und hat mit dem Derbybegriff der meisten mir bekannten Fußballanhänger nichts zu tun. Ähnliche Verwässerungen stellen Bildungen wie „Nord-Süd-Derby“ für die Paarung HSV-Bayern dar. Nun verändern sich Wortbedeutungen und Wortgebräuche ja gern mal, allerdings muss man das nicht gut finden – und gerade im Fall des Worts Derby empfinde ich das als störend, da durch die Aufweichung des Begriffs Derby quasi jede Partie als Derby bezeichnet werden könnte, was wohl kaum sinnvoll ist.

Was aber ist nun ein Derby? Im klassischen Sinn bezeichnet das Wort das Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Mannschaften aus derselben Region, genauer aus derselben Stadt. So gilt die Paarung Nottingham Forest gegen Notts County als ältestes Derby im Bereich der Mannschaftssportart Fußball. Im erweiterten Sinn bezieht sich der Begriff dann auf Mannschaften aus einer Region. Beispiele für die engste Auslegung wäre die Paarung HSV-St. Pauli, für die erweiterte Nürnberg-Fürth oder Schalke-Dortmund. Die heute übliche notwendige Rivalität muss übrigens auch nicht schon immer bestanden haben, noch muss sie ewig währen.

Es gibt bestimmte Paarungen, die rein geographisch durchaus als Derby gelten könnten, bei denen aber kein richtiges Derbyverhältnis zustande kommt. Da wären zum Beispiel Paarungen mit Beteiligung von Bayer Leverkusen oder dem VfL Wolfsburg. Beide kann man fantechnisch eigentlich nicht ernst nehmen. Genau so wird es auch kein Leipziger Derby geben, so lange der 1. FC Lok nicht auf die BSG Chemie Leipzig trifft, da es in Leipzig schlicht keinen anderen Verein gibt. Man könnte sagen, diese Clubs1 sind schlicht nicht satisfaktionsfähig. Dies trifft aus anderen Gründen im Zusammenhang mit dem 1. FC Magdeburg nach meiner bescheidenen Meinung auch auf Germania Halberstadt und Preussen Magdeburg zu, die beide bisher nicht damit aufgefallen sind, dem FCM ernsthaft Konkurrenz machen zu wollen – auch wenn Halberstadt mittlerweile in derselben Spielklasse spielt.

Für den 1. FC Magdeburg gibt es daher nur drei Derbys. Dabei sind zwei in ihrer Bedeutung mittlerweile jedoch so gefallen, dass sie, sollte die Paarung morgen stattfinden, kaum noch als Derby zu erkennen wären.
Es handelt sich dabei zunächst um die Partie gegen den FSV Lok Stendal. Den Verein gibt es nicht mehr, sein Nachfolgeclub ist der 1. FC Lok Stendal. Insbesondere in den 1990ern war die Rivalität mit der früheren BSG aus der Altmark recht groß, die Spiele gegen Stendal fanden vor rund 10.000 Zuschauern statt – zu einer Zeit als der Zuschauerschnitt pro Spiel unter 2.500 lag. Die Rivalität war so groß, dass Magdeburger Fans das Benefiz-Gastspiel ihres Vereins zur Rettung der finanziell angeschlagenen Stendaler weitgehend boykottierten.
Dann gibt es noch die Partien gegen Fortuna Magdeburg. Auch die Fortuna ist mittlerweile wieder in den unteren Regionen verschwunden und spielt nur noch gegen die Zweite des 1. FCM. Mitte der 1990er wechselten einige frühere Clubspieler zur Fortuna, die mit dem erklärten Ziel antrat, den FCM als Nummer eins in Magdeburg abzulösen. Auch hier waren die Partien mit rund zehntausend Zuschauern gut besucht, auch weil die Fortuna auf ihr Heimrecht verzichtete und so beide Partien gegen den Club im Grube-Stadion stattfanden. Die Geschichte hätte auch anders ausgehen können, wäre nicht er FCM mit einem Punkt Vorsprung Erster in der Oberliga geworden, sondern die Fortuna, die aber eben nur Dritter wurde und auch im folgenden Jahr den Aufstieg um zwei Punkte verpasste. So aber ging dem Stadtrivalen das Geld aus und pünktlich zur Fertigstellung des sanierten Stadions musste der Verein sich von höheren Ambitionen verabschieden.
So bleibt nur noch ein Derby mit aktuellem Charakter, das gegen die Mannschaft aus der seit einigen Tagen nicht mehr größten Stadt Sachsen-Anhalts an der Saale. Die spielen momentan zwar eine Liga höher, sind allerdings nach wie vor in der Fansicht des Magdeburgers nur die Nummer zwei im Land. Klar, liegen doch die Hallenser in der Trophäenzahl klar hinter den Magdeburgern und auch mit Blick auf die Fanbasis fühlt sich der Magdeburger klar überlegen. Hier ist die geographische Entfernung schon am oberen Ende, die Rivalität allerdings auch sehr stark, so dass die Bezeichnung Derby gerechtfertigt ist.

Das Duell gegen die SG Dynamo Dresden dagegen ist kein Derby. Dazu ist die geographische Distanz zwischen beiden Vereinen schlicht zu groß. Zweifelsohne ist diese Paarung aber ein Traditionsduell, bei dem ein Sieg wichtiger ist als bei manch anderem Spiel, insofern ist die Konfusion auf Seiten mancher Berichterstatter sicher verständlich.

Wir halten fest. Ein Derby ist ein Duell zweier geographisch nahe beieinander situierten Fußballmannschaften, bei denen es auch eine Rivalität gibt. Nur wenn beide Bedingungen erfüllt sind, kann man von einem Derby sprechen, sonst muss man sich ein anderes Wort suchen.

  1. Die beiden genannten und die nicht genannten Österreicher. []

Des Cynics Wörterbuch, Teil XIII

Nach langer Zeit der Stille in dieser (und auch in allen anderen, ich weiß, jaja) Kategorie, gibt es heute einmal einen neuen Eintrag. Der ist zwar nicht unbedingt zyniker-spezifisch, weil es sich um einen eher dialektalen Ausdruck handelt, der aber im Umkreis des Zynikers schon des öfteren für Irritationen sorgte. Letzteres, also die Irritationen sowohl der Gesprächspartner als auch beim Zyniker, der dann immer etwas ungläubig dieses Wort erklären muss, führten jetzt also zu diesem Eintrag.

Es handelt sich um das Wort ihle. Wir haben es hier mit einem Adverb zu tun, dass an sich ausschließlich mit dem Verbum essen Verwendung findet. Also zum Beispiel in dem Satz: „Das Brot war alle, da hab ich den Käse ihle gegessen.“ Hier ist dann auch die Bedeutung ablesbar: ihle bezeichnet das Essen von Nahrungsmitteln, die für gewöhnlich auf Brot vorkommen, ohne eben dieses Bäckereierzeugnis. So auch in der Redensart „In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot.“ Ich beispielsweise esse Camembert lieber ihle als in Scheiben auf Stulle. Aber warum das so ist, das weiß ich auch nicht.
Ich erwähnte ja, dass es sich um eine dialektalen Begriff handelt. Nach allem, was ich so lesen konnte, ist er dem Magdeburger Sprachraum zuzuordnen, wobei ich da keine Exklusivität festlegen möchte.

Des Cynics Wörterbuch: Exkurs B

Nach längerer Zeit mal wieder ein Beitrag in dieser Kategorie1

In letzter Zeit häufen sich in der Magdeburger Volksstimme – woanders ist es mir zumindest noch nicht aufgefallen &ndash Bildunterschriften und Dachzeilen, in denen eine im Deutschen wohl unübliche und jedenfalls merkwürdig klingende Struktur verwendet wird. Es handelt sich um den Nominativ ohne Artikel. Diese Struktur ist noch nicht merkwürdig, wenn es sich um ein einzelnes Wort handelt, das da im Nominativ steht: „Dichter Nebel schrieb einen neuen Gedichtband“. Wenn es sich aber um Wortgruppen handelt, wirkt die Konstruktion zunehmend bizarr. Sätze wie „Plastischer Chirurg geht in Ruhestand“ funktionieren noch, aber „Plastischer Chirurg Dr. Peter Müller2 geht in Ruhestand“ gehen irgendwie gar nicht, genausowenig wie „Stellvertretender Bibliotheksleiter Johann Schmitt sagte…“ und so weiter. Ich kann die Motivation hinter dieser Konstruktion auch nicht nachvollziehen. Die erste Vermutung, es seien Platzgründe, zerschlägt sich, denn zumindest beim Chirurgenbeispiel handelt es sich um eine Dachzeile, in der noch genügend Platz für den Artikel „Der“ gewesen wäre. Genauso beim Bibliotheksleiter, wo der Artikel ebenfalls noch Platz im Artikel gefunden hätte.
Es ist auch nicht so, dass dieses stilistische Unglück nur ein Autor benutzen würde, was man noch mit persönlichem Stil erklären könnte,3 sondern es ist vielmehr so, dass sich das Phänomen bei mindestens drei verschiedenen Autoren findet.
Ich habe ja persönlich die Vermutung, dass es ich um eine Übernahme einer stilistischen Wendung handelt, die im Englischen durchaus üblich ist. Dort ist es – auch aufgrund der fehlenden unterschiedlichen Substantivformen in verschiedenen Fällen völlig unproblematisch, ja sogar absolut üblich, vor der Kombination aus Berufsbezeichnung und Name den Artikel wegzulassen. Was dort geht, geht im Deutschen aber eigentlich nicht, da sich mit dem Weglassen des Artikels die Form der Wörter ändert.4 Ich habe diese Konstruktion auch noch in keinem anderen Medium gefunden und kann daher nur hoffen, dass sich das nicht durchsetzt.

Das war’s für heute. Oh Gott, ich klinge schon wie einer dieser „Sprachpfleger“.

  1. Ich glaub, ein 1000-Seiten-Werk wird das Wörterbuch nicht mehr. []
  2. Name vom mangelnden Gedächtnis des Autors geändert []
  3. Wobei ungrammatikalisch sein beim Schreiben eines Zeitungsartikels sich nur schwer mit persönlichem Stil verteidigen lässt, finde ich. []
  4. Vergleiche „Der plastische Chirurg Dr. Peter Müller“ und „Plastischer Chirurg Dr. Peter Müller“ []

Des Cynics Wörterbuch, Teil XII

Heute geht das Wörterbuch weiter mit einem Fachbegriff aus der englischen Sprache.
Weauxfing – Substantivierung. Weauxfing bezeichnet den Umstad, dass in jedem sportlichen Wettbewerb das Team, das am meisten von seinen Fans gehypt wird, unweigerlich eine Niederlage einstecken muss.

Gegenteil von Weauxfing ist das Anti-Weauxfing, das die Technik bezeichnet, die Chancen des eigenen Teams kleinzureden, in der Hoffnung, die Weauxfing-Götter zu beeinflussen. Diese Technik funktioniert jedoch nicht in jedem Fall.

Neben dem Weauxfing durch Fans scheint es allerdings auch einen Effekt beim Hypen durch Medien zu geben. Siehe die gefühlten 543 Artikel über Peyton Manning, den perfektesten Quarterback aller Zeiten, und die anschließende Niederlage durch Manning-Fehler im gestrigen Superbowl.

Weitere Informationen gibt es im The Oliver Woofing Theorem FAQ.

Des Cynics Wörterbuch, Teil XI

Heute:
Pispers-Effekt, der (Nomen, maskulinum) – beschreibt eine Situation, die eigentlich zum Lachen ist, durch ihren Kontext jedoch dafür sorgt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Benannt nach dem Kabarettisten Volker Pispers, der es viel zu oft schafft politische Vorgänge realistisch zu beschreiben und so deren Absurdität hervorzukehren – wodurch besagter Effekt eintritt.