Laut brüllt der Kleingeist…

Am gestrigen Sonntag fand nun der Bürgerentscheid zur Ulrichskirche in Magdeburg statt. Das Ergebnis passt verständlicherweise nur den Gegnern des Wiederaufbaus: Etwa drei Viertel der Befragten sprachen sich gegen die Wiedererrichtung der zweitältesten Pfarrkirche der Stadt aus. Ihren Erfolg begründen die Gegner unter anderem damit, dass sie in den Tagen vor der Wahl noch einmal besonders erfolgreich Aufklärungsarbeit betrieben hätten. „Wir haben uns bemüht, den Leuten Argumente zu liefern, mit denen sie dann eine Entscheidung treffen können“, so Carola Schumann, Vertreterin der Bürgerinitiative gegen den Wiederaufbau (die ja offiziell „Demokratie wagen – Bürger fragen“ heißt…) Man habe sich auch beim Tunnelbau eine Bürgerbefragung vorstellen können.1

Was sind denn das nun für Argumente? Kurz vor der Wahl schaltete die Bürgerinitiative eine halbseitige Anzeige in der Magdeburger Volksstimme, die zehn Argumente auflistete.2 Schauen wir uns doch die zehn Argumente kurz an, hm?

1. Der Frevel aus Ulbrichts Zeiten lässt sich nicht durch einen weiteren Gewalt-Eingriff in das Stadtbild wiedergutmachen

Dass es sich bei der Sprengung im Jahre 1956 um einen Frevel handelte, scheint zumindest Konsens zu sein. Aber dann: „weiterer Gewalt-Eingriff“? Wem wird denn hier Gewalt angetan? Niemand will hier mit Gewalt eine Kirche bauen – wenn es sich um einen Gewalt-Eingriff ins Stadtbild handelte, gäbe es wohl kaum einen Bürgerentscheid. Das Kuratorium zum Wiederaufbau auf eine moralische Stufe mit Ulbricht und seinen Handlangern zu Stellen ist schlicht frech.3
Aber weiter…

2. Mit der Kopie eines historischen Gebäudes holt man die Original-Ulrichskirche nicht aus der Vergangenheit zurück

Es stimmt, die wieder errichtete Kirche wird nicht identisch mit der 1956 gesprengten Kirche sein. Aber ab wann ist ein Gebäude denn eine Kopie? Ist es eine Kopie, wenn man nach alten Plänen mit Originalsteinen eine Ruine wieder aufbaut, so wie in Dresden die Frauenkirche? Und wenn ja – wie viele neue Steine darf man einsetzen? 5 Prozent oder 10…oder gar 50?4 Die Grundmauern der Ulrichskirche – und somit vermutlich auch Krypta etc. – sind unter etwa 50 Zentimeter Mutterboden verborgen, dürften also mehr oder weniger im Zustand von 1945 erhalten sein. Steine aus der Fassade wurden beispielsweise im Zoo verbaut und sind durchaus zum Bau wiederverwendbar.

3. Die wiedererrichtete Kirche hat keinerlei ideellen Wert. Sie wird ein Neubau sein, in der (sic!) Luther nie war, Guericke nie getauft wurde oder geheiratet hat. Wer den späteren Besuchern der Kirche erzählt, dass hier einst Luther gebetet hätte oder Guericke getauft wurde, der lügt!

Es stellt sich hier wieder die (meiner Meinung nach eher philosophische) Frage, ob die Kirche nun ein Neubau wäre oder eben eine Wiedererrichtung. Die Behauptung, der Bau hätte keinerlei ideellen Wert, ist zumindest zweifelhaft. Luther war kaum in einem im 21. Jahrhundert wieder errichteten Gebäude. Sicher ist Luther aber an dieser Stelle gewesen, wurde Guericke an dieser Stelle getauft, hat Guericke an dieser Stelle geheiratet.
Der ideelle Wert eines Gebäudes bemisst sich aber nicht nur aus historischen Ereignissen, sondern auch aus dem, was die Menschen der Stadt, jeder für sich, mit dem Bau verbinden. So wie die wieder aufgebaute Johanniskirche das Engagement der Bürger symbolisiert, wäre auch die wieder errichtete Ulrichskirche ein Beispiel bürgerlichen Engagements – nicht nur in Magdeburg, sondern darüber hinaus.
Was den Vorwurf der Lüge angeht, kann ich nur hoffen, dass kein Mitglied der Bürgerinitiative je einem Dritten auf dem Alten Markt erzählt hat, dass der Magdeburger das älteste freistehende Reiterdenkmal nördlich der Alpen wäre. Das vergoldete Exemplar ist schließlich auch nur eine Kopie – und hat sicher keinerlei ideellen Wert.

4. Durch den Bau der Ulrichskirche würde die Stadt bei leeren Kassen ein Filetgrundstück und damit einen erheblichen Vermögenswert verschenken.

Gegen dieses Argument ist eigentlich nichts zu sagen. Es stimmt: die Stadt überließe dem Kuratorium zum Bau der Ulrichskirche den zum Bau nötigen Grund. Aber die Frage ist, was der Grund sonst wert wäre. Da gibt es beispielsweise die Aussage des Oberbürgermeisters, dass dort außer der Kirche nichts errichtet werden wird. Wir haben es also mit einem Grundstück in guter Lage zu tun, das nicht bebaut werden kann. Da sich der angesprochene Wert für die Stadt aber nur durch einen Verkauf realisieren ließe, stellt sich die Frage, wer überhaupt Geld für ein Stück Grünfläche ausgeben würde.5 Das Grundstücksargument scheint mir daher auch eher akademischer Natur zu sein.

5. Angeblich soll der Wiederaufbau „nur“ 25 bis 30 Millionen Euro kosten. Wir sagen: Auch dieses Projekt wird, wie alle Großprojekte, zwei- bis dreimal teurer!

Ja, Großprojekte werden oft teurer als verkündet. Das liegt übrigens nicht selten daran, dass zwischen Planung und Baubeginn mehrere Jahre mit quasi-natürlicher Teuerung liegen. Die hier mitschwingende Unterstellung, dass die vom Kuratorium genannten Kosten absichtlich nach unten gerechnet wurden, ist natürlich nicht belegbar. Auch die Formulierung „zwei- bis dreimal teurer“ ist interessant. Das ist nicht dasselbe wie „zwei- bis dreimal so teuer“. Letzteres würde Baukosten von 60 bis 90 Millionen bedeuten, ersteres 90 bis 120 Millionen.6

6. Der Wiederaufbau soll durch Spendengelder und Fördermittel finanziert werden. Spenden sind steuerlich absetzbar – damit gehen Staat und Stadt Steuermittel verloren.

Uiha. Natürlich sind Spenden steuerlich absetzbar. Damit belohnt der Staat gesellschaftliches Engagement. Das ist so gewollt. Aber ein Denkfehler ist natürlich da: Man muss ja nicht absetzen, man kann auch einfach so spenden. Man kann übrigens auch Geld spenden, wenn man gar keine Einkommenssteuer zahlt, da geht dem Staat dann nichts verloren.
Wenn man übrigens so anfängt zu argumentieren, muss man natürlich auch sehen, dass die avisierten 30 Millionen Euro zum Aufbau ja nicht dem Geldstrom entnommen werden, sondern als Baukosten wieder zurückfließen. Ich kann nicht beurteilen, wie sich das genau auswirkt, aber irgendwer zahlt auf diese 30 Millionen garantiert Steuern.7

7. Fördermittel fallen nicht vom Himmel. Auch sie sind hart erarbeitete Steuergelder

Stimmt, tun sie nicht. Ja, sind sie. Aber es sind eben Fördermittel geworden und keine Rücklagen auf dem Sparbuch der Europäischen Union. Man sollte sich nicht wundern, dass mit Fördermitteln etwas gefördert wird. Das ist oft so.8 Übrigens gibt es noch so etwas wie die Fördermittelvergabe, da werden die geförderten Projekte in der Regel geprüft. Es ist also nicht so, als könnte das Kuratorium da mal eben vorbei gehen und einen Scheck abholen.

8. Am Ende ist es doch nur wieder der Steuerzahler, der für die Ulrichskirche zur Kasse gebeten wird.

Das stimmt nicht. Am Ende bezahlt das alles Lieschen Müller, Mustergasse 37 in Musterstadt.
Im Ernst: Natürlich kommen Fördermittel aus Steuergeld, aber die Ulrichskirche soll nicht ausschließlich aus Steuergeldern erbaut werden, so dass es nicht nur der Steuerzahler ist. Davon ab gibt es kein Mitbestimmungsrecht über die Verwendung von Steuergeldern. Die gehören nämlich nicht dem Steuerzahler. Ich finde es zum Beispiel nicht so toll, dass von meiner Mehrwertsteuer eine ICE-Verbindung über Hinterpusemuckel ausgebaut wird und in meiner Heimat kaum noch ICEs halten. Aber ich kann nicht mit Hinweis auf meine Steuerzahlung dort Widerspruch einlegen. Ich kann nur über meine Wahlentscheidung bzw. Basisdemokratie Einfluss nehmen…oh Moment, tun wir grad…

9. Das ist Geld, dass wesentlich sinnvoller eingesetzt werden könnte, u.a. in Kindergärten oder Schulen bzw. in stadtbildprägende Objekte, die dringend sanierungsbedürftig sind (z.B. Hyparschale).

Worauf bezieht sich dieses „das“? Geld wird überall gebraucht, ohne Frage. Die Kommune ist weitgehend pleite, kann daher nicht allen Aufgaben so nachkommen, wie sie es vielleicht müsste. Aber Privatleute können ihr Geld dort investieren, wo sie es für richtig halten – und nicht da, wo es eine Bürgerinitiative für „wesentlich sinnvoller“ hält.
Ich würde nicht für sanierte Schulen oder Kindergärten spenden. Aber für einen stadtbildprägenden Bau wie die Ulrichskirche, dafür hätte ich sicher gespendet – und werde es auch tun, wenn sich der Neubau doch noch durchsetzt.
Wenn sich das Wörtchen „das“ doch auf die Fördermittel bezieht, so bleibt zu sagen, dass die Zahl der verschiedenen Förderprogramme zwar arg unübersichtlich ist, ich aber doch bezweifle, dass es Töpfe gibt, aus denen genauso der Wiederaufbau der Ulrichskirche und die Sanierung von Schulen bzw. Kindergärten gefördert werden kann. Hier vermischt die Bürgerinitiative wieder grundverschiedene Dinge.

10. Völlig offen ist, wer die Betriebskosten einer „neuen“ Ulrichskirche übernimmt. Was ist, wenn sich das Kuratorium Ulrichskirche nach ein paar Jahren auflöst?

Nach Aussagen des Kuratoriums soll zur Sicherung des Baus und des Betriebs eine Stiftung gegründet werden. Insofern ist die Frage nach der Auflösung des Kuratoriums an sich hinfällig. Zur Sicherung der Betriebskosten schlägt das Kuratorium die Nutzung der Unterkirche als Kolumbarium vor, allerdings nur als einer von mehreren Faktoren.
Leider – und das sehe ich als Hauptgrund für die Niederlage des Kuratoriums für den Wiederaufbau – ist es nicht gelungen, einer breiteren Öffentlichkeit die Nutzungskonzeption vorzustellen und die Finanzierbarkeit des Betriebs klar darzulegen.

Soweit zu den zehn „Argumenten“ der Gegner der Ulrichskirche – in denen das ursprünglich am stärksten propagierte, der Erhalt der Grünfläche, gar nicht mehr vorkommt. Es handelt sich bei den Argumenten um eine Kombination aus Glaubensfragen (Ist es Original oder Kopie), Unterstellungen (Grundstückswert, Baukosten) und schlichtem Unsinn. Immerhin brachte keiner das Argument, eine Ulrichskirche brächte nicht einen Touristen mehr in die Stadt.
Leider hat das offenbar gereicht, eine breite Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu bringen. Wieso das so ist, kann und will ich hier nicht beurteilen, ich empfinde es aber als äußerst ärgerlich, dass die Stadt Magdeburg wieder einmal gezeigt hat, dass sie mehrheitlich von Kleingeistern und Verhinderern bevölkert wird.

P.S. Die Stadt will sich als Kulturhauptstadt Europas bewerben. Das wird bestimmt zwei- bis dreimal teurer und außerdem schaffen die das eh nicht. Der Titel der Kulturhauptstadt bringt bestimmt auch nicht einen Touristen mehr in die Stadt.9 Wer macht mit mir ’ne Bürgerinitiative?

  1. Lustig, warum hat man’s denn nicht gemacht? Da gibt es schließlich auch eine zahlenstarke Gegnerschaft… []
  2. Verantwortlich im Sinne des Presserechts waren übrigens zwei Firmen, die WBM GmbH und die DREMA Maschinenbau GmbH. Das ist kein Aufruf zum Boykott, aber doch interessant, dass hier nicht die BI auftritt… []
  3. Nach dem Maßstab Bürgerbeteiligung ist übrigens jegliche Baumaßnahme in Magdeburg seit 1990 ein „Gewalt-Eingriff“. []
  4. Um sich ein Bild von der Zahl der Originalsteine in der Fassade der Dresdner Frauenkirche zu machen, klicke man hier. []
  5. Ich gehe jetzt mal nicht darauf ein, dass die Bürgerinitiative auch argumentiert hat, dass die Grünfläche gerettet werden muss… []
  6. Inwiefern das jetzt tatsächlich gemeint ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Kann ja auch eine Formulierungsschwäche sein. []
  7. Und wie viele Arbeitsplätze man mit dem Geld schaffen würde… Uiuiui, Tiffy. []
  8. Wirklich jetzt. []
  9. Glaubt ihr nicht? Doch, doch, ich bin mir ganz sicher. []

9 Reaktionen auf Laut brüllt der Kleingeist…

  1. Warum schaltest du eigentlich keine halbseitigen Texte in der VS? 😉

  2. 😀 (Ich armer Student. Ich nix Geld.)

  3. Matthias Hartmann

    Das ist mal sehr gut auf den Punkt gebracht. Nur gut das ich keine Volksstimme bekomme, da wär mir sicher der Kragen geplatzt, hätte ich das gelesen.
    Naja, so neu sind die Argumente nicht, aber mit Sätzen auf Bildzeitungs-Übersschriftenniveau kann man in MD leider doch viel erreichen…
    Jetzt hat das Kuratorium auf jeden Fall Zeit sich noch einmal mit besserer Kommunikation ins Bewusstsein der Bürger zu bringen, vielleicht werden sich dann mehr Bürger eine differenzierte Meinung gebildet haben. Verdient hat es MD allemal das Dorfimage endlich loszuwerden, welches mit diesem ersten Bürgerentscheid der Stadtgeschichte leider für immer verankert sein wird.

  4. thinkbig50

    „…Dorfimage … mit diesem ersten Bürgerentscheid der Stadtgeschichte leider für immer verankert ..“?
    Der Wiederaufbau ist ein ehrenwertes Ziel. Doch sollten die wenigen Befürworter sich und ihre Idee nicht überbewerten. Die Entwicklung unserer Stadtgeschichte hängt von mehr ab, als von der Wiedererrichtung religiöser Wahrzeichen. Ich vermisse in der Diskussion zukunftsorientierte Ideen für die Entwicklung der Stadt und auch dieses Platzes. Vielleicht sollte als Nächstes noch das Knattergebirge in Elbnähe wiedererrichtet werden, weil es früher auch typisch für unsere Heimatstadt war?

  5. Natürlich ist ein Wiederaubau um des Wiederaufbaus Willen Unsinn, das ist nicht zu bestreiten. Aber man sollte vorsichtig sein, die Problematik auf die Ebene „Wiedererrichtung religiöser Wahrzeichen“ zu reduzieren. Die Ulrichskirche ist zunächst mal ein Wahrzeichen der Stadt gewesen, genauso wie es der Dom noch immer ist. Errichtet wurden allerdings beide in der Tat als religiöse Wahrzeichen.

    Ich vermisse auch Ideen zur Stadtentwicklung in der Diskussion, erlaube mir aber darauf hinzuweisen, dass die Errichtung eines zusätzlichen touristischen Anziehungspunkts – genau das wäre eine wieder errichtete Ulrichskirche meines Erachtens geworden – sowohl Stadtentwicklung als auch zukunftsorientiert ist.
    Ein „Nein, wollen wir nicht, ist blöd, bringt eh nix“ ist dagegen vieles, aber sicher kein Beitrag zur Stadtentwicklung.

    P.S. Eine engere oder zumindest andere Bebauung im Bereich Jakobstraße hielte ich durchaus für überlegenswert.

  6. also ich verstehe diesen derben nachgang des bürgerentscheides keineswegs! es wurde beiderseits im vorfeld eine aktive pro- und kontra-kampagne geführt, welche am 20.03. ihren ausgang finden sollte mitteld bürgerENTSCHEID. unabhängig mal von allen angeführten argumenten dagegen oder dafür haben sich nunmal 76% gegen den wiederaufbau entschieden. zwar hieß es, dass man das ergebnis respektiere, aber die immer noch andauernde anfeindung beider lager vermittelt leider ein anderes bild. es mag sein, dass es ein emotional geladenes thema ist/war, aber de facto hat die mehrheit entschieden und gemäß der demokratischen grundsätze hat dies akzeptiert zu werden. und wenn nun auf die 1-jahres-gültigkeit des votums hingewiesen wird und gleichzeitig der fortbestand der idee einer ulrichs-kirche verkündet wird, so brauch man sich nicht über wahlmüde bürger wundern! wozu wählen gehen, wenn dann im nachhinein doch „anders“ entschieden wird!?

    dass die stadtentwicklung nicht in optimalen bahnen verläuft mag durchaus stimmen (stichwort stadion, tunnel). aber im vergleich zu den themen in klammern haben in diesem falle explizit die bürger entschieden und das ergebnis von 76% reflektiert eine klare präferenz wider. und nur weil man sich „gegen-etwas“ entschieden hat, heisst das nicht automatisch im umkehrschluss, dass man ein notorischer nein-sager ist und magdeburg sein image als magdedorf festigt! und selbst wenn dem so ist, dann ist es halt so. in der schweiz hat man sich gegen minaretten ausgesprochen, sich somit international einer debatte ausgesetzt, aber am ende hat man gemäß dem subsidiaritätsprinzip lokale entscheidungen dem lokalen entscheidungsträgern überlassen.

    zuletzt bitte ich alle ambitionierten schreiber, egal ob gegner oder befürworter mal einen moment inne zu halten bevor man seine postings veröffentlicht und zu gucken, inwiefern man anfeindend wird bzw. wie sachlich man sich der (immer noch aktiven) diskussion stellt. ich kann der heutigen jugend nicht die folgen von cybermobbing lehren und im selben atemzug leute diffamieren, denen man u.U. jeden tag in der MVB, im Café, oder wo auch immer begegnet und eins gemeinsam teilt: das interesse an der eigenen stadt.

  7. 1. Was beim Bürgerentscheid rausgekommen ist, ist hier überhaupt nicht Thema gewesen. Natürlich muss man das Mehrheitsvotum erst einmal hinnehmen. Das heißt aber nicht, dass man auf alle Zeit seine Pläne komplett auf Eis legt. Es ist nun einmal so, dass das Votum für ein Jahr bindend ist. Das hat man genauso gemäß demokratischer Grundsätze zu akzeptieren wie jetzt das Wahlergebnis. Was Wahlmüdigkeit nun damit zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht ganz.

    2. Nein, gegen etwas sein heißt nicht, dass man ein notorischer Neinsager ist. Zumindest nicht, wenn dieses Gegen-etwas-sein nur einmal vorkommt. Aber wenn ich mir ansehe, mit welchen Argumenten hier gegen den Wiederaufbau der Kirche zu Felde gezogen wurde, so bleibt mir nichts anderes zu schließen, als dass es sich hier eben doch um Neinsagerei handelt. Gar nicht mal auf Seiten der Bürger, die da mit Nein gestimmt haben, sondern aus meiner Sicht auf Seiten der Bürgerinitiative. Ich denke der Vergleich mit dem Minarettverbot in der Schweiz hinkt so gewaltig, dass ich darauf gar nicht eingehen will.

    3. Was dieser letzte Absatz hier soll, verstehe ich gar nicht. Ich diffamiere niemanden. Ich weise darauf hin, dass die Argumente der Wiederaufbaugegner hanebüchen oder zumindest doch an den Haaren herbeigezogen sind. Weder habe ich irgendjemanden als Dumpfbacke bezeichnet, noch behauptet, es mit Botoxspritzern zu tun zu haben. Ich habe auch nirgends ein Verbot von Kirchen im allgemeinen gefordert. Das sind alles Dinge, die in der Debatte geäußert worden sind – aber wohlgemerkt nicht von mir noch auf dieser Seite. Dieses Niveau, da gebe ich dir recht, hat die Debatte nicht verdient. Was die Sache mit dem Interesse an der eigenen Stadt angeht, bin ich mir allerdings nicht sicher, ob ich das wirklich allen Beteiligten zugestehen kann.

  8. 1) wahlmüdigkeit meinte ich in dem sinne, als dass zukünftig sich die leute den gang zur urne überlegen, wenn das ergebnis des votums zweitrangig für die entscheidung ist, die letztlich (noch) getroffen wird. wie gesagt: ich denke es ist nicht nachvollziehbar, wenn direkt nach dem votum das festhalten an der idee ulrichskirche bekundet und auf die jahresfrist hingewiesen wird.

    2) wenn die argumente der initiative derart „falsch“ oder was auch immer waren, so bleibe ich bei der auffassung, dass 76% der bürger sich gegen den wiederaufbau entschieden haben. wochenlang war eine für-und-wider-debatte in den lokalen medien zu verfolgen bei der jede fraktion ihre argumente darbieten konnte. wäre das votum mit 51% ausgegangen hätte man argumentieren können „ok, das war ne echt knappe sache“….aber ich kann doch nich sämtlichen ulrichs-gegnern ihre entscheidungskompetenz absprechen, nur weil sie meine eigene meinung nicht vertreten. ansonsten bräuchte man keine demkratie.
    der vergleich mit der schweiz diente nur dazu, um zu illustrieren, dass es ähnlich emotioal geladene debatten gibt, die im bürgerentscheid münden und deren entscheidung ex post zu akzeptieren sind.

    3) ich wollte in diesem Forum niemanden der diffamierung bezichtigen!!!!! also wenn das falsch rüber kam, bitte ich dies zu entschuldigen. dieser kommentar richtete sich primär gegen die reaktionen verschiedener leser u.a. aus der volksstimme. als erwachsener mensch, der seine meinung irgendwo vertreten und durchsetzen will, sollte man sich dem ehrgeiz hingeben, dies auch sinnvoll zu tun und nicht auf unterstem niveau argumentieren.

    aber mal noch was zu dem : „Was die Sache mit dem Interesse an der eigenen Stadt angeht, bin ich mir allerdings nicht sicher, ob ich das wirklich allen Beteiligten zugestehen kann“ –> der punkt in einer demokratie ist, dass der einwand „ich will die kirche nicht, weil das is eben so“, oder „ich mag die wiese lieber“ genauso zu bewerten sind wie historisch oder ökonomisch fundierte argumente.
    jeder bürger der am sonntag sein kreuz gesetzt hat, dem unterstell ich ein interesse an der stadt, ansonsten wäre de zettel leer geblieben. wenn jetzt argumentiert wird, einige bürger seien nicht entscheidungsfähig for whatever reason und sollten demnach lieber fernbleiben, so untergräbt man jeden gedanken der volksherrschaft.
    die richtung die eingeschlagen wird, entscheidet die mehrheit. und selbst wenn sie einigen die kompetenz absprechen, so verbleiben immer noch zahlreiche andere vertreter, die einen soliden bildungsweg genossen haben und „trotzdem“ gegen den wiederaufbau sind.

  9. Wenn man den Leuten lange genug erzählt, dass das ganze am Ende doch ihre Gelder kostet etc. pp., dann werden sie am Ende mehrheitlich dagegen stimmen.
    Was mich stört ist eben die Qualität der Debatte. Da werden Argumente der Befürworter mal eben ignoriert und das ganze wird zu einer Glaubensfrage hochstilisiert. Ich spreche niemandem die Entscheidungskompetenz ab, ich sage nur, das die Argumente der Gegner mehrheitlich lächerlich und abwegig waren und sind.

    Inwiefern es tatsächlich eine Diskussion gab, in der beide Seiten ihre Meinung gleich vorstellen konnten, mag ich nicht diskutieren, ich denke meine Beiträge auf diesem Blog lassen meine Ansicht dazu klar erkennen. Ich glaube auch nicht, dass das Argument „Will ich nich, weil ich’s nich will“ in der Demokratie genauso bewertet werden muss wie fundierte Argumente. Genau betrachtet ist das erstere nämlich gar kein Argument, sondern nur eine Meinung. Die Meinung kann man haben, aber man muss auch damit leben, wenn andere anmerken, dass diese Meinung auf eher dünnen Beinen steht.
    Ich habe den Wählern weder ihre Entscheidungskompetenz abgesprochen, noch mangelndes Interesse an ihrer Stadt unterstellt – sehr wohl unterstelle ich aber bei einigen Vertretern der Bürgerinitiative mangelndes Interesse an ihrer Stadt, ebenso wie ich es in dieser Angelegenheit dem Oberbürgermeister und seinem Kulturbeigeordneten unterstelle.